Brutalität in den Medien

– und in unseren Köpfen.


"700 blutige Seiten", "brutal, aber ..." oder "eine gehörige Portion Brutalität ..." – das waren Sätze, die mich nach der Veröffentlichung von "Die Jäger des Nordens" erreicht haben. Und ich so: "Hab ich etwas nicht mitgekriegt? Squid Game ist doch viel brutaler!"


Das erste Feedback einer meiner Testleserinnen zu "Die Jäger des Nordens" war überraschend. "Es ist schon manchmal etwas gruslig", sagte die Gute – mit der ich Filme wie "Natural Born Killers" (1994) oder "Funny Games" (1997) geschaut habe. Ich habe ihre Meinung zur Kenntnis genommen, doch es stand nie im Raum, die benannte Szene deswegen umzuschreiben; auch nicht von Seiten der Testleserin. Viel mehr betrachtete ich ihren Kommentar als Kompliment.

Als dann die ersten Rezensionen erschienen, hagelte es geradezu Kommentare wie oben angedeutet. Brutal und blutig, seien die Jäger. Wilde, ja gar Barbaren! Na ja, das mit den Wilden war auch Absicht. Aber habe ich hier tatsächlich etwas geschrieben, das viel zu gewalttätig war?


Dass die Grenzen bei jedem unterschiedlich sind, bleibt unbestritten. Und dann kommt auch noch die Verfassung hinzu, die ebenfalls täglich, wenn nicht sogar stündlich wechseln kann. Manche sind emotionaler als andere, manche empfänglicher für gewisse Themen und wieder andere haben selbst schreckliche Erfahrungen gemacht.

Von Anfang an war klar, dass die Jäger für ein erwachsenes Publikum sind. Und ich habe auch nie ein Geheimnis darum gemacht, dass die Geschichte Gewalt beinhaltet. Aber bin ich so abgestumpft? Liegt meine Toleranzgrenze höher als beim Durchschnittsleser?


Ich starrte auf die Worte "blutig" und "brutal" und dachte mir: "Wenn die wüssten, was noch kommt. Das war erst Teil I." Daraufhin fragte ich mich, welche Szenen wohl gemeint waren. Denn die wirklich schlimmen Szenen habe ich ja gar nicht gezeigt. Doch manchmal vermag wohl das "tell" mehr Wirkung zu entfalten als das "show".


1997 erschien der österreichische Film "Funny Games". Eine Familie verbringt ihren Urlaub in einem Ferienhaus. Die Idylle wird durch zwei junge Männer gestört, die die Familie terrorisiert. Der Film wurde in den Kinos verboten, weil er angeblich zu brutal war. Doch es gibt keine Szene, in der man sieht, wie Gewalt angewendet wird. Die Gewalt findet einzig und allein in den Köpfen der Zuschauer statt.


Jäger-Spoiler -->

Es ist ein Ratsmitglied, das berichtet, wie die Paha tote Kinder aufbahren, um Geier anzulocken, um so an die Vogelherzen zu gelangen. Und obwohl es keine Szene gibt, die das zeigt (show), ist es die Fantasie des Lesers, die den Bericht des Ratsmitglieds (tell) zu einer extrem brutalen und grausamen Szene zusammensetzt. <-- Jäger-Spoiler Ende.


Natürlich gibt es zwischen Film und Literatur riesige Unterschiede. Der Film kann durch einen jähen Szenenwechsel den Zuschauer in Situationen reißen, die unvorhersehbar sind. Im Vergleich dazu bahnen sich in der Literatur solche Szenen eher langsam an.

Sobald Sam sich dazu entscheidet, auf die Jagd nach Vogelherzen zu gehen, lässt dies erahnen, was als Nächstes kommt. Natürlich hätte man die Jagd überspringen und direkt damit einsteigen können, wie Sam das Vogelherz herausschneidet. Das würde im Film eine große Wirkung erzielen, da gleichzeitig Bild und Ton mitgeliefert werden. Im Text sind trotz der "In medias res-Situation" Hinweise zur Orientierung nötig, die den Leser an die Szene heranführen. Und ja, man hätte die Szene auch einfach streichen können, um rückblickend zu zeigen, wie Sam zu seiner Handlung steht. Das zeigt aber lediglich, wie vielen Entscheidungen die Autoren jeweils zu treffen haben.


Vor kurzem las ich "Der Rhythmus des Krieges" von Brandon Sanderson. Ich würde die komplette Sturmlicht-Chronik weder als brutal noch als gewalttätig bezeichnen. Deshalb fiel mir eine Szene ganz besonders auf.

Der Sturmgesegnete Kaladin kämpft gegen einen Verschmolzenen. Der Kampf findet in der Luft statt, und abwechselnd hat mal der eine, mal der andere die Oberhand. Schließlich packt der Verschmolzene Kaladin und "rammt sein Messer immer wieder in Kaladins Rücken, damit nicht etwa eine Heilung eintreten" kann. Dank des Sturmlichts hat Kaladin die Fähigkeit zur Selbstheilung, doch die Szene ist lang und brutal. Ist sie notwendig?


Anders als bei Sex-Szenen, die meines Erachtens selten von Wert sind, sofern sie die Handlung nicht vorantreiben, dienen Gewaltszenen dazu, die Protagonisten an ihre Grenzen zu treiben und darüber hinaus. Denn meistens geht es ja darum, dass diese Figuren es irgendwie aus der Situation herausschaffen. Das Erlebte hinterlässt Spuren. Und diese sind es, die den Plot in neue Richtungen treiben – denn auch Kaladin kehrt trotz den heilenden Kräften des Sturmlichts nicht unversehrt aus dem Krieg zurück. Kommt der Umstand hinzu, dass jemand unsterblich ist, lässt sich das natürlich auf einem noch höheren Level ausreizen als bei Sterblichen – Leor lässt grüßen.


Abgesehen von all den Gedanken und Fragen, die sich mir stellten, war ich aber über eine Sache froh. Ich hatte die komplette Trilogie bereits zu Ende geschrieben. Denn bei all den Diskussionen über Content Notes und Gewaltverherrlichung stellte sich mir plötzlich die Frage, ob ich nach solchen Feedbacks den zweiten Teil womöglich anders geschrieben hätte. Und hier, liebe Leser, hört der Spaß auf.


Wenn Künstler anfangen, sich selbst zu zensieren, weil es für das Publikum "möglicherweise" zu brutal sein könnte. Wenn Künstler sich selbst Schranken auferlegen und aufhören, Gedanken auszureizen, Situationen auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wie in einer, wenn auch fiktiven Welt damit umgegangen werden würde bzw. könnte, dann wird am Prinzip von Kunst vorbeigeschossen.


Natürlich: Readers first! Aber ein Schriftsteller ist nicht Diener des Königs, sondern sein Narr. Er wird dafür bezahlt, die ungeschönte Wahrheit rauszuhauen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und Realitäten aufzuzeigen, die möglichst authentisch sind.



(mcl)



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