Welcher Schreibtyp bin ich?

Und was nützt es mir, das zu wissen?


Es gibt 10 Schreibtypen, die ich hier in vereinfachter Form aufgelistet habe. Wichtig: diese Schreibtypen treten nie in isolierter Form auf. Meistens wendet ein Autor verschiedene Techniken an, sodass die Typen fließend ineinander über gehen.


Die erste Frage, die man sich stellen kann: Planer oder Forscher? (Plotter oder Pantser)

Natürlich kann diese Frage auch von der Gegebenheit selbst beantwortete werden. Bei einer Reportage setzt man sich kaum hin und schaut, was sich so ergibt, während das bei einem Gedicht durchaus der Fall ist bzw. sein kann.

Arbeitest du mit Plotplänen, Zettelkästen, Zeichnungen, Organigrammen? Ziehst du es vor, einen gedanklichen Entwurf zu machen oder vorab Sätze auszuprobieren, bevor du dich ans Schreiben machst?

Oder reicht dir eine vage Idee aus, um einfach mal drauf los zu schreiben? Lehnst du es bewusst ab, im Voraus nichts zu wissen und dich einfach mal ins Abenteuer zu stürzen?

Natürlich kann es auch sein, dass man ein bisschen was von beidem ist, so wie Kafka, der auf langen Spaziergängen ganze Textabschnitte im Kopf durchging. Und sobald er das ganze Konzept hatte, setzte er sich hin und schrieb alles in einem Zug runter.


Im folgenden sind 10 Schreibtypen aufgelistet. Sehr wahrscheinlich werden mehrere Techniken auf dich zutreffen. Warum das gut ist, das erfährst du am Ende der Liste.


Die 10 Schreibtypen


1 - Flowschreiber (Kolumbustyp)

Der Flowschreiber setzt sich hin und schreibt aus dem Bauch heraus, ganz nach dem Prinzip der freien Assoziation. Er lässt sich von seinen Gedanken tragen und schaut, was kommt. Die Technik ist auch als "Automatisches Schreiben" bekannt und wird auch als Kreativtechnik benutzt, z.B. bei Schreibblockaden.

Wesensmerkmale: spielerisch, risikofreudig, vom Unterbewussten geleitet


2 - Eine-Fassung-Schreiber

Dieser Schreiber hat bereits eine Idee, ein Thema oder eine Figur im Kopf. Er weiß, was sich im ersten Kapitel oder Textabschnitt abspielen wird. Ab diesem Punkt schreibt er einfach darauf los und schaut, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Meistens schreibt er nur eine Fassung, die "ist, wie sie ist".

Wesensmerkmale: zielorientiert, ökonomisch, seiner Sache sicher


3 - Schachspieler

Auch der Schachspieler hat eine Idee, ein Thema oder eine Figur, doch viel mehr weiß er noch nicht. Er macht einen Zug und schaut, wie sich die Partie entwickelt. Sobald Probleme oder bessere Lösungswege auftauchen, beginnt er wieder von vorn; oft mit einem völlig anderen Eröffnungszug. Das kann sich mehrmals wiederholen.

Wesensmerkmale: spielerisch, explorativ, reflektiert (und manchmal ohne Ende)


4 - Redigierer

Dieser Schreiber ist perfektionistisch. Nach jeder geschriebenen Text-Ratio setzt er den Rotstift an und verbessert den Text, bis er für ihn stimmt. Vorher schreibt er nicht weiter. Vorangehende Fassungen werden gelöscht. Manche Redigierer lesen sich die Texte laut vor, um Schwachstellen zu erkennen oder den Rhythmus zu optimieren.

Wesensmerkmale: explorativ, perfektionistisch


5 - Architekt

Sie arbeiten mit Exposés, detaillierten Plänen, Zeichnungen oder Organigrammen. Alle, die im weitesten Sinn eine Art Bauplan benötigen, sind Architekten, denn ohne diese beginnen sie nicht zu schreiben. Vor allem größere Stoffe (Romane, Dramen, Filmdrehbücher) setzen früher oder später eine detaillierte Planung voraus.

Wesensmerkmale: planerisch, systematisch, visualisierend


6 - Im-Kopf-Formulierer

Dieser Schreiber ist eine besondere Version des Planers. Er wälzt den Stoff im Kopf herum, macht ausgedehnte Spaziergänge, probiert Sätze und ganze Gedankenketten aus, erzählt seine Geschichte anderen, bis er die Story hat. Oft schreibt er das Ganze dann in einem Zug nieder, als würde er sich den Text selbst diktieren. Dann folgt langes Redigieren.

Wesensmerkmale: abstraktionsfähig, denkt zuerst, dann schreibt er wie eine Maschine


7 - Synkretist

Synkretismus bedeutet "Vermischung". Dieser Schreiber arbeitet auf mehreren Baustellen gleichzeitig, oft unsystematisch und scheinbar chaotisch. Er folgt dem Lustprinzip, arbeitet mal hier, mal dort, manchmal skizzierend, manchmal sehr detailliert. Immer sprunghaft und in wechselnden Rollen. Durch das Schreiben, das oft mit Recherche kombiniert ist, schafft er sein Wissen. Sein Arbeitsplatz ist chaotisch und er sammelt alles.

Wesensmerkmale: lustorientiert, forschend, multitaskisch


8 - Inselhüpfer

Inselhüpfer picken sich einzelne Fragmente heraus, oft der Anfang und der Schluss, und beginnen erst dann mit der Arbeit am Hauptteil. Oft überspringen sie bewusst schwierige Teile, sodass das Lustprinzip mit Erfolgserlebnissen zum Tragen kommt. Viele Drehbuchautoren, aber auch Wissenschaftler arbeiten so. Das Inselhüpfen wird oft auch als zweite Technik, z.B. nach dem Im-Kopf-Schreiben, genutzt. Auch die Planer setzen oft das Inselhüpfen ein (lateral, statt chronologisch arbeitend).

Wesensmerkmale: lustorientiert, strategisch denkend, zuerst die Teile, dann das Ganze


9 - Puzzler

Der Puzzler hat keinen Plan, kein festes Konzept und auch kein Gesamtwerk im Kopf. Er hat ein grobes, großes Thema, zu dem er einzelne "Expeditionsberichte" verfasst. Der Natur der Methode entsprechend entstehen dabei kurze, allerdings gut ausformulierte Puzzleteile, aber selten ein großes, längeres Ganzes. Das Werk bleibt meist Fragment.

Wesensmerkmale: explorierend, offen, der Weg ist das Ziel


10 - Systematiker

Zuerst wird konzipiert, dann recherchiert, dann sortiert und sobald alles klar ist, wird geschrieben und am Schluss noch redigiert. Der Systematiker ist ein Schritt-für-Schritt-Arbeiter und ein Idealtypus, der in Seminaren oft zitiert wird. In der Praxis kommt er aber kaum vor. Wer will sein Schreiben schon wie ein industrieller Herstellungsprozess angehen? Einzig unter den Journalisten sind jobbedingt Annäherungen an eine systematisierte Vorgehensweisen anzutreffen, die jedoch meist hybrid gehandhabt wird. So wird zum Beispiel oft schon während oder unmittelbar nach der Recherche geschrieben.

Wesensmerkmale: systematisch, industriell



Und was nützt es mir zu wissen, welcher Typ ich bin?

Kaum jemand wird nur ein Schreibtyp sein. Zu wissen, welche Typen man in sich vereint, kann einem helfen, Blockaden zu überwinden. Gerät man mit einer Methode ins Stocken, kann es durchaus hilfreich sein, diese bewusst zu ändern.

Zudem bietet die Liste eine Auswahl an Möglichkeiten, worin man sich vielleicht mal ausprobieren könnte. Gewohnheiten legt man nur schwer ab. Mit bewussten Veränderungen im Arbeitsprozess können ebenfalls große Wirksamkeiten erzielt werden.


Und? Welche Schreibtypen treffen auf dich zu?




(mcl)


Quellen

Dossier von Martin Weiss, Literarisches Schreiben SAL Zürich, Bezugsquelle: Hanspeter Ortner SCHREIBEN UND DENKEN, Niemeyer.